Fokus: State of the Art

Kurzfilm zwischen Kunst und Kino

Das bewegte Bild hat vor vielen Jahrzehnten seine originäre Heimstätte, den Kinoraum, verlassen. Die vermeintliche Suche nach einer neuen, womöglich besseren Heimat hat jedoch keine solche gezeitigt. Stattdessen finden wir heute unzählige Präsentationsflächen für analoge und digitale Formate vor. Und es geht eigentlich schon lange nicht mehr um die puristische Frage nach dem einen „richtigen“ Ort für den Film, sondern vielmehr darum, die verschiedenen Orte – die „fluiden Screens“ (Marchessault/Lord) – für das bewegte Bild „richtig“ zu nutzen.
Gerade für die kurze filmische Form war und ist das Ausbrechen aus der „Black Box“ besonders reizvoll. Das marktunübliche Format entspricht nicht den gängigen kommerziellen Vorgaben, und wer möchte schon dauerhaft als Vorfilm zum Appetizer degradiert werden? Der Kunstraum dient(e) da mit seinen hellen Wänden und der Nähe zum Kunstmarkt als verheißungsvoller Ort für die expandierenden Laufbilder, doch auch die Präsentation im „White Cube“ hat oft so ihre Tücken.

Waren die beiden Sphären – der Kunst- und der Kinoraum – einst klar voneinander getrennt, sind die Grenzen heute fließend. Immer mehr Museen integrieren eigene Kinos in ihre Räumlichkeiten (ohne vielfach genau zu wissen, was denn dort gezeigt werden soll). Und Kinos ebenso wie Festivals entdecken wieder vermehrt den Ausstellungsraum, um bestimmte Arbeiten mit performativen Mitteln „live“ zugänglich zu machen. Wir wollen uns heuer dieses Themas ganz speziell annehmen und untersuchen in The State of the Art die Situation des Kurzfilms zwischen Kunst- und Kinokontext. Wir holen dafür die Kunst ins Kino und malen bewegte Bilder auf die Leinwand; wir sehen uns an, wie mit den Mitteln der Kunst und jenen des Kinos politische Vorgänge thematisiert werden.

U/Tropia: Schauraum & Liegekino

In Kooperation mit den Wiener Festwochen

Utopia steht für Visionen einer meist idealen Ferne, die mit der Gegenwart unvereinbar sind.  Tropia ist ein medizinischer Fachbegriff für die abweichende Position eines der beiden Augen bei der Fixierung eines Objekts. Zoetrop, im Volksmund auch Wundertrommel genannt, ist ein optisches Gerät und ein Wegbereiter der Filmkunst. Seine Wirkung beruht auf dem Wechselspiel technischer Möglichkeiten und menschlicher Wahrnehmung. Dystopie ist eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit oftmals negativem Ausgang. U/Tropia ist Installation und visuelles Kunstwerk, dessen Gesamtwirkung sich aus der Kombination zweier unterschiedlicher Perspektiven der Betrachtung erschließt: der Bewegung des Laufens oder den Akt des Liegens. Brent Meistre von der Rhodes University im südafrikanischen Grahamstown und VIS-Leiter Daniel Ebner haben ihr U/Tropia, dessen Name bewusst Anleihe bei Begriffen aus Medizin, Technik und Gesellschaft nimmt, als Schauraum und als Liegekino eingerichtet. Die dort gezeigten Kurzfilme öffnen U/Tropia als einen Raum neuer Perspektiven der Wahrnehmung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

"U/Tropia ruft eine ganze Reihe von Assoziationen hervor. Die unmittelbarste ist wahrscheinlich auch die bekannteste – der imaginäre Nicht-Ort der „Utopie". Jene fiktive Insel im Atlantik, von Thomas Morus in seinem 1516 geschriebenen Buch imaginiert, hat eine ähnliche Rolle angenommen, wie sie „Afrika" für den „Westen" spielt, aus einer Bildsprache und Erzählungen konstruiert. Der Ausstellungstitel lässt eine Beziehung zu Europa vermuten. Wörtlich übersetzt bedeutet das griechische Wort Utopia „nicht" und „Ort", was darauf hindeutet, dass wir, um uns selbst zu definieren, etwas außerhalb unserer eigenen Realität konstruieren, das in Wahrheit gar nicht existieren kann. Der afrikanische Kontinent wurde oft sowohl auf utopische als auch entmenschlichend dystopische Weise dargestellt, vor allem in der Filmgeschichte. Das Sehvermögen, mit der Macht des Projizierens, Hervorhebens, unsichtbar Machens, Umrahmens und Hinterfragens, wird daher zum Wesenselement dieser Schau. Und das Sehen selbst wird an manchen Stellen der Ausstellung abgetrennt, zerrissen, von jeglicher Einsicht beraubt, um Erwartungen zu unterwandern und herauszufordern." (Brent Meistre)